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Projektdokumentation

  i-punkt
Institut für Lese-
Rechtschreibförderung

Hubertistr. 21
48155 Münster
Teil.: 0251 - 63 211
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Auf den folgenden Seiten dokumentieren wir das Projekt 'Ich kann lesen'. Dabei richten wir unser Hauptaugenmerk auf einen konkreten Förderverlauf. Die Wahl fiel dabei auf Tobias* (*Name geändert), dessen Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten uns besonders schwerwiegend erscheinen. Über jede Förderstunde mit Tobias veröffentlichen wir hier an dieser Stelle über ein Jahr und wöchentlich aktualisiert ein ausführliches Protokoll. So können der gesamte Förderprozess mit seinen Lernzielen, den dazugehörigen Übungen sowie Tobias` Fortschritte und Schwierigkeiten sehr konkret nachvollzogen werden.

Zunächst dokumentieren wir aber den allgemeinen Verlauf des Projekts.


Projektdokumentation

25. 01. 2006 Projektstart
Abendliche Informationsveranstaltung für Eltern, Lehrer und die interessierte Öffentlichkeit. Das Projekt wird mit seinen Hintergründen sowie seiner Dauer und inhaltlichen Gestaltung vorgestellt.

01. 02. 2006 Diagnostik
Alle Schüler der 2. und 3. Klasse, die das offene Ganztagsangebot wahrnehmen, absolvieren einen Lese- und einen Rechtschreibtest. Insgesamt 50 Schüler ( 31 aus der 2. und 19 aus der 3. Klasse) nehmen an der Diagnostik teil. Als Testverfahren werden die WLLP (Würzburger Leise Leseprobe), der WRT 1+ (Weingartener Rechtschreibtest für 1. und 2. Klassen) und die HSP 3 (Hamburger Schreibprobe für 3. Klassen) eingesetzt.

06. - 15. 02. 2006 Verteilung der Förderplätze und Schulung der Förderkräfte
Die Testauswertung ergibt, dass bei zwei Schülern der 2. Klasse ein sehr dringender Förderbedarf besteht. Für die restlichen vier Förderplätze kommen mehrere Schüler in Frage und die endgültige Auswahl erfolgt nach Rücksprache mit den betreffenden Lehrerinnen. So ist zu erklären, dass auch Schüler einen Förderplatz erhalten, deren Testergebnisse auf den ersten Blick ganz passabel erscheinen. Das Lehrerurteil gab im Zweifelsfall den Ausschlag. Marco erhält trotz gerade noch ausreichenden Testergebnissen einen Förderplatz, weil die Art seiner Rechtschreibfehler mit dem Recklinghäuser Lese- Schreibaufbau (RELESA) erfahrungsgemäß besonders gut reduziert werden kann.

Die Eltern der ausgewählten Schüler werden in einem persönlichen Gespräch über die Testergebnisse sowie Dauer und Inhalte der angebotenen Fördermaßnahme informiert. Bis auf eine Ausnahme zeigen sich die Eltern nicht überrascht über die Testergebnisse ihrer Kinder. Alle Eltern reagieren sehr dankbar und hoch erfreut auf das Förderangebot.

Die Teilnehmer des Projekts "Ich kann lesen" im Überblick:
Schüler Klasse Muttersprache
deutsch?
Klasse
wiederholt?
Prozentrang
WLLP**
Prozentrang WRT bzw. HSP
Förder-
kraft
Tobias* 2 nein ja 3 10 Hunke
Maria* 2 nein nein 1 5 Bergmann
Laura* 2 ja nein 13 18 Kleibrink
Lukas* 2 nein nein 7 14 Schmalstieg
Jan* 3 nein ja 31 34 Kleibrink
Marco* 3 ja nein 18 26 Hunke



* Namen geändert, ** Die WLLP-Normen beziehen sich auf die letzten zwei Monate des Schuljahres. Die Prozentränge müssen also tendenziell höher eingeschätzt werden, da wir fünf Monate vor Ende des Schuljahres getestet haben.

Die Förderkräfte erhalten eine Einweisung in die Theorie und Praxis des Recklinghäuser Lese- Schreibaufbaus (RELESA) durch Herrn Dipl. Psych. Andreas Hunke. In den ersten Monaten des Projektes wird er gemeinsam mit den Förderkräften jede Förderstunde vor- und nachbereiten.

22. 02. 2006 Beginn der Förderung

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Die ersten Förderstunden beginnen. Von nun an erhalten alle ausgewählten Schüler über ein Jahr wöchentlich eine individuelle Förderstunde.

31.01.2007 Ende des Projektes

Eine komplette Projektdokumentation mit einer ausführlichen Darstellung der Ergebnisse finden Sie hier in einer pdf-Datei.

Förderdokumentation: Tobias

Vorbemerkung

Bei dieser Dokumentation handelt es sich nicht um eine streng wissenschaftliche Abhandlung, sondern um eine tagebuchartige Darstellung. Als Leser oder Leserin begleiten Sie Tobias und mich auf dem steinigen Weg des Lesenlernens. Im Rahmen dieser Dokumentation werden Sie an jeder Förderstunde, jedem Arbeitsschritt und allen wichtigen Beobachtungen und Reflexionen teilnehmen können – all dies natürlich vermittelt durch meine notwendigerweise subjektive Wahrnehmung. Der Förderprozess wird so konkret und wirklichkeitsnah wie möglich dargestellt. Dies bedeutet, dass Fortschritte und Erfolge, aber auch Irrtümer, Zweifel und vorläufige Hypothesen gleichermaßen ihren Platz erhalten.

Jenseits gängiger wissenschaftlicher Praxis steht in dieser Dokumentation der Einzelfall im Vordergrund. Jede Förderstunde ist durch genaue, protokollierte Beobachtungen gleichzeitig eine Diagnostik, die der Planung weiterer Förderschritte dient. Meines Erachtens wird der Wert solcher verhaltensnaher Beobachtungen entweder unterschätzt oder gar nicht wahrgenommen, obwohl sie für alle Praktiker eine überaus ergiebige und nützliche Erkenntnisquelle darstellen.

Diese Dokumentation soll ein Beitrag sein, konkretes, therapeutisches Handeln im Förderprozess in den Vordergrund zu rücken – denn darauf kommt es letztlich an.

Alle Leser und Leserinnen sind herzlich zur Teilnahme an Tobias´ Förderung eingeladen. Anregungen, Lob und Kritik sind gleichermaßen willkommen. Eine entsprechende Email-Adresse finden Sie auf der Seite Kontakt.

 

Das Erstgespräch mit Tobias und seiner Mutter am 15. 02. 2006

Tobias` Mutter spricht leider nur radebrechend deutsch. Die Verständigung ist schwierig, aber nicht unmöglich. Laut ihren Angaben lebt die Familie seit 20 Jahren in Deutschland. Zu Hause werde kein deutsch gesprochen. Tobias habe aber einen Kindergarten besucht. Tobias` große Schwierigkeiten seien ihr bekannt, er sei deswegen in der Mitte der zweiten Klasse ins erste Schuljahr zurückgesetzt worden. Sie fühle sich insgesamt sehr hilflos, da sie ihm aufgrund ihrer eigenen mangelnden Deutschkenntnisse nicht helfen könne.

Tobias sitzt während des Gespräches still und äußerst zurückhaltend am Tisch. Es ist für mich nicht zu beurteilen, welche Gesprächsinhalte er versteht. Er äußert sich bei allen Fragen an ihn nur knapp und mit einer hohen Fistelstimme. Erst beim Abschied wechselt er die Stimmlage und kündigt mit fester und kräftiger Stimme an, dass er in der nächsten Woche am vereinbarten Treffpunkt erscheinen werde.

Es bleibt zunächst – und wahrscheinlich bis auf weiteres – eine offene Frage, inwieweit seine Lese- Rechtschreibschwierigkeiten als eine Folge mangelnder Deutschkenntnisse zu verstehen sind.
Eine Nachfrage bei seiner Lehrerin ergibt, dass Tobias in seiner Klasse vor allem aufgrund seiner sportlichen Fähigkeiten anerkannt und integriert ist. Er könne sich sprachlich mit seinen Klassenkameraden ausreichend gut verständigen. Sein deutscher Wortschatz sei aber vermutlich eingeschränkt. Tobias´ mathematische Fähigkeiten seien schwankend und wahrscheinlich eher im unteren Leistungsbereich anzusiedeln.
Spätestens nach diesen Gesprächen ist klar, dass Tobias kein klassischer Legastheniker ist. Seine schwachen schriftsprachlichen Leistungen sind auf eine mir noch undurchsichtige Gemengelage von Problemen zurückzuführen – für mich eine neue Herausforderung.

Es heißt nun, jenseits von Testergebnissen und Befragungen eigene Beobachtungen anzustellen und für Tobias Wege zur deutschen Schriftsprache zu finden.  

 

Die Ausgangslage und zwei diagnostische Nachträge

In den folgenden drei Wochen erhalte ich zusätzliche Informationen über Tobias, die das bis dato gewonnene Bild teilweise ändern oder präzisieren. So erfahre ich auf Anfrage, dass Tobias´ ein Jahr älterer Bruder, der gleichfalls diese Grundschule besucht, keine Lese- Rechtschreibprobleme hat. Auch dessen allgemeine sprachliche Fähigkeiten sind durchschnittlich.

 

Dies bedeutet für mich, dass Tobias´ Schwierigkeiten im Gegensatz zum ursprünglichen Eindruck doch hauptsächlich legasthenischer Art sind. Die ersten beiden Förderstunden bestätigen diese Einschätzung. Am 08.03.2006 führe ich mit Tobias drei Untertests des Salzburger Lesetests (SLT) durch. Anders als die WLLP ist der SLT als Einzeltest angelegt, bei dem Wörter, ein kurzer Text und Pseudowörter laut vorgelesen werden müssen. Tobias erreichte in den Untertests „Häufige Wörter“ und „Text kurz“ einen Prozentrang (PR) von kleiner 1 und im Untertest „Wortunähnliche Pseudowörter“ einen PR von 3. Ein PR von kleiner 1 (bzw. 3) bedeutet, dass über 99% (bzw. 97%) aller Zweitklässler ein besseres Ergebnis erzielen würden.

Zum besseren Verständnis sei auf den Untertest „Häufige Wörter“ näher eingegangen. Tobias hatte die Aufgabe, folgende 30 Wörter richtig und so schnell wie möglich laut vorzulesen:

 

Opa, Name, Haus, Wort, Uhr, Tier,

Vater, Klasse, neu, Garten, Frau,

Kuh, Mama, Auto, Eis, Stunde,

Onkel, Zug, Apfel, Mädchen, Vogel,

Milch, Stadt, Tisch, krank, Baum,

groß, mehr, Nacht, Blume

 

Tobias benötigte für diese Aufgabe insgesamt 109 sec., das heißt im Durchschnitt 3,6 sec. pro Wort. 10 Wörter, also ein Drittel, las er fehlerhaft wie z. B. Faru statt Frau oder Faden statt Vater. Wenn Sie versuchen, die ersten sechs Wörter des Tests in 22 Sekunden zu lesen, erhalten Sie einen Eindruck davon, wie quälend mühsam sich Tobias die Wörter erlesen muss. Dann stellen Sie sich vor, was es für Tobias bedeutet, einen Text lesen zu müssen, der zudem erheblich schwierigere Wörter enthält.

In Anbetracht der Tatsache, dass Tobias zum Testzeitpunkt bereits seit 2,5 Jahren die Schule besucht, ein niederschmetterndes Ergebnis, das in eindrucksvoller Weise das Ausmaß von Tobias´ Leseschwierigkeiten belegt.

 

In den nächsten zwölf Monaten und ca. 40 Förderstunden wird es darum gehen einen drohenden Analphabetismus mit all seinen Folgeproblemen zu verhindern.

 

1. Förderstunde am 22. 02. 2006

Ich beginne die Förderstunde mit dem sogenannten Silbenspiel. Auf einem Spielfeld ähnlich dem eines „Mensch-ärgere-dich-nicht“ – Spiels versuchen die Spieler ihre Spielfiguren ins Ziel zu bringen. Allerdings wird nicht gewürfelt. Die Spieler ziehen eine Karte, auf der ein Wort oder eine Silbe steht. Die Spieler bewegen ihre Figuren pro Silbe ein Feld vor. Dabei sprechen sie beim Setzen der Figur jede Silbe einzeln mit und machen zwischen den Silben eine ausreichend lange Pause.

Für Tobias benutze ich einen Kartenstapel, der ausschließlich Silben und Wörter enthält, die aus einfachen Konsonant+Vokal - Strukturen (KV-KV) bestehen. Als Konsonanten kommen nur die sogenannten Kontinuanten m, l, n, s und f vor. Die Karten enthalten zum Beispiel Silben wie ma, le, si, no und Wörter wie Sofa, Lama oder Salami.

Tobias liest Silben und Wörter zwar zögerlich und langsam, aber letztlich sicher. Der Einstieg in den Förderprozess scheint geglückt. Die Anforderungen sind für den Anfang nicht zu hoch und nicht zu niedrig. Tobias ist sehr stolz, dass er alles bewältigt und das Silbenspiel mit großem Vorsprung gewinnt.

Nun folgt ein Arbeitsblatt. Tobias hat die Aufgabe Wörter zu lesen und diese einem passenden Bild zuzuordnen. Wie beim Silbenspiel bestehen die Wörter nur aus KV-KV - Strukturen wobei nur die Konsonanten m, l, n, s und f verwendet werden. Tobias soll sich jedes Wort erst silbenweise erlesen, dann Silbenbogen zeichnen und zum Schluss eine Linie zum passenden Bild ziehen.

Auszug:

 

 

Tobias erledigt diese Aufgabe wiederum zögerlich und langsam. Dabei liest er sorgsam Silbe für Silbe mit wenigen Fehlern. Das Zeichnen der Silbenbogen bereitet ihm wenig Schwierigkeiten.

Nun folgt ein weiteres Arbeitsblatt. Tobias hat nun die Aufgabe, die eben gelesenen Wörter zu schreiben - natürlich ohne sichtbare Vorlage . Dabei soll er sich – so synchron wie möglich – sprechend begleiten und zwischen den Silben eine deutliche Pause einlegen.

Auszug:

 

Tobias hält sich genau an die obigen Anweisungen. Das synchrone silbenweise Sprechschreiben gelingt ihm gut. Er rutscht nicht ins Buchstabieren, sondern schreibt perfekt Silbe für Silbe. Insofern macht er keinen einzigen Fehler – für ihn wahrscheinlich eine seltene Erfahrung. Insgesamt eine gelungene Stunde zumal Tobias offensichtlich gerne mitarbeitet und sich über seine Erfolge freut.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 1. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u,

f, l, m, n, s,

nur KV-Strukturen

Mofa, Salami

nein

nein

 

2. Förderstunde am 08.03.2006

Wir beginnen wieder mit dem Silbenspiel und benutzen dieselben Karten wie beim letzten Mal. Tobias liest wieder relativ sicher, aber nach wie vor etwas langsam und zögerlich. Um ihm zu mehr Sicherheit zu verhelfen und den Leseprozess von KV – Strukturen zu automatisieren, arbeite ich mit einem Computerprogramm. Dabei erscheint auf dem Bildschirm für eine begrenzte Zeit eine KV – Silbe. Tobias soll diese Silbe lesen. Sukzessive wird die Darbietungszeit der Silben verkürzt. Tobias identifiziert nahezu jede Silbe weitgehend sicher auch bis zur sehr kurzen Darbietungszeit von 100 ms..

Nun wird der Buchstabe r als neue Anforderung in die Förderung integriert. Mit der Integration dieses Buchstabens entstehen neue zu lesende Wörter. Analog zur ersten Förderstunde bearbeitet Tobias das folgende Arbeitsblatt.

Auszug:

 

Tobias hat sich die Technik des silbenweisen Erlesens gut gemerkt und beherrscht auch nach wie vor das korrekte Zeichnen der Silbenbogen.

Fehlerlos gelingt ihm das synchrone Sprechschreiben der Wörter: rufe, Safari, Rosine, Marine, rosa, rase und Rose. Er vergisst auch nicht, regelmäßig die Silbenpause einzuhalten.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 2. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u,

f, l, m, n, s, r

nur KV-Strukturen

Mofa, Salami, Rose

nein

nein

 

3. Förderstunde am 15.03.2006

Wir beginnen mit dem Silbenspiel. Es folgt die Einführung des Diphtongs ei. Da ich nicht sicher bin ob Tobias das ei an einen Konsonanten anschleifen kann, lege ich ihm ein entsprechendes Arbeitsblatt vor.

Auszug:

 

Tobias hat die Aufgabe, den Konsonanten lang anhaltend zu sprechen, um ihn dann ohne eine Pause mit dem ei zu einer Silbe zu verschleifen. Er erledigt diese Aufgabe ohne nennenswerte Probleme.

Nun geht es ans Lesen von Wörtern, die ein ei enthalten. Tobias erhält ein AB analog zu den in den vorangegangenen Förderstunden. Allerdings sind hier mehrere Wörter hintereinander zu lesen.

Auszug:

Tobias verliest sich nun häufiger als in den vorherigen Förderstunden. Vor allem das Lesen des ersten Konsonanten der zweiten Silbe gelingt nicht mehr so sicher. Möglicherweise erreichen Tobias` Verarbeitungskapazitäten beim Lesen mehrerer Wörter hintereinander ihre Grenzen. Beim Sprechschreiben der Wörter tendiert er manchmal dahin, statt des ei ein ai zu schreiben. Er bemerkt den Fehler jedoch immer selbständig und verbessert sich.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 3. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u,

f, l, m, n, s, r,

ei

nur KV-Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise

nein

nein

 

4. Förderstunde am 30.03.2006

Ich beginne wieder mit dem Silbenspiel. Danach lasse ich Tobias zur Wiederholung ein altes AB lesen in dem zahlreiche Wörter mit ei vorkommen. Er liest nach wie vor zögerlich und langsam, aber letztlich nur mit wenigen Fehlern.

Ich führe nun die neue Buchstabenfolge sch ein. Tobias soll in schneller Folge die Silben scha, sche, schi, scho, schu, und schei lesen. Dies gelingt gut. Nun folgt ein AB mit Wörtern, die zusätzlich zu den bisher erarbeiteten Buchstaben ein sch enthalten wie z. B. Schere oder Maschine. Solche Wörter soll Tobias sowohl lesen als auch schreiben. Diese Aufgabe bewältigt er ebenfalls gut. Die Techniken des silbenweisen Lesens und des Sprechschreibens beherrscht Tobias nach wie vor und wendet sie auch kontinuierlich an.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 4. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u,

f, l, m, n, s, r,

ei, sch

nur KV-Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe

nein

nein

 

5. Förderstunde am 05.04.2006

Nach dem obligatorischen Silbenspiel führe ich das au ein. Wiederum soll Tobias in schneller Folge Silben wie mau, rau, lau, schau etc. lesen. Er hat dabei wenig Schwierigkeiten. Bei Wörtern, die ein au enthalten wie Laune oder Sauna, hat Tobias Probleme, exakte Silbenbogen zu zeichnen. Bei 50 % der Wörter ist der Bogen beim au zu kurz. Tobias lässt den Bogen schon hinter dem a enden und schließt das u nicht mit ein. Er bemerkt den Fehler meist nicht selbst und ich greife erklärend ein. Zudem tendiert er heute beim silbenweisen Lesen dazu, die Silbenpause zu kurz werden zu lassen. Nach einem entsprechenden Hinweis meinerseits hält er die Pause aber wieder lange genug ein.

Nun führe ich das Wort „Ich" als Ganzwort ohne vertiefende akustische Analyse ein. Das Wort ist Tobias bekannt und er kann es aus einer umfangreichen Wortliste allein aufgrund seiner visuellen Gestalt identifizieren. Mit der Einführung dieses Wortes wird es nun möglich, aus dem bisher erarbeiteten Buchstaben-, Silben- und Wortmaterial kurze Sätze zu bilden, die Tobias lesen und schreiben soll. Dies wird unter anderem das Thema der nächsten Stunde werden.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 5. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u,

f, l, m, n, s, r,

ei, sch, au

nur KV-Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune (+ 'Ich' als Ganzwort)

nein

nein

 

6. Förderstunde am 11.04.2006

Nach einem Silbenspiel gehen wir an den PC. Tobias liest zur Wiederholung und Festigung des bisher Erlernten 50 Silben, die jeweils für eine halbe Sekunde auf dem Bildschirm dargeboten werden. Er macht erfreulicherweise kaum einen Fehler. Dies bedeutet für mich, dass er die inzwischen erarbeiteten Silben sicher und schnell lesen kann.

Nun folgt eine neue Übung am PC. Tobias soll ganze Wörter lesen, die ihm allerdings nur silbenweise auf dem Bildschirm dargeboten werden. Er sieht nur die aktuell zu lesende Silbe. Erst wenn er diese gelesen hat, kann er mit Hilfe der Tastatur die nächste Silbe auf dem Bildschirm sichtbar machen und erlesen. Tobias trainiert so, nicht buchstabierend, sondern in größeren Einheiten (hier in KV – Silben) zu lesen. Natürlich bestehen alle bei dieser Übung zu lesenden Wörter ausschließlich aus den bisher erarbeiteten Silben.

Nun erhält Tobias ein AB und soll Wörter mit Silbenbogen unterlegen. Alle Wörter enthalten ein au. Im Gegensatz zur vorherigen Stunde macht Tobias keinen einzigen Fehler beim Zeichnen der Bogen. Das au wird immer komplett von einem Bogen eingeschlossen. Auch das Sprechschreiben dieser Wörter beherrscht er.

Im Anschluss soll Tobias zum ersten Mal ganze Sätze lesen. Natürlich bestehen diese nur aus bisher behandelten Buchstaben, Silben und Wörtern. Er bekommt ein AB, liest einen Satz laut vor und zeichnet die Silbenbogen. Das AB wird weggelegt. Nun erhält er ein weiteres AB, auf dem sich der gleiche Satz befindet. Allerdings hat die diebische Maus Hugo Klau einen Buchstaben entwendet. Tobias liest den Satz erneut und soll das Wort finden, welchem ein Buchstabe fehlt und dieses korrekt auf die vorgegebene Linie schreiben.

Auszüge:

 

 

 

 

Diese Übung soll Tobias dazu anhalten, immer sehr genau zu lesen was tatsächlich geschrieben steht. Sie verhindert das bei Legasthenikern so verbreitete Erraten von Wörtern aufgrund weniger Merkmale und/oder des Kontextes.

Insgesamt bearbeitet Tobias acht Sätze. Bei den letzten drei Sätzen steigen seine Lesefehler erheblich an. Tobias ist am Ende seiner Konzentrationsfähigkeit. Er hat in dieser Stunde sehr hart arbeiten müssen. Ich bedanke mich bei ihm ausdrücklich für seine gute Mitarbeit und beende die Stunde.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 6. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u,

f, l, m, n, s, r,

ei, sch, au

nur KV-Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

7. Förderstunde am 12.04.2006

Nach dem Silbenspiel hat Tobias die Aufgabe, am PC 30 KV-Silben zu lesen, die jeweils für eine halbe Sekunde auf dem Bildschirm auftauchen. In einem zweiten Schritt muss er die gelesene Silbe unter sechs dargebotenen Alternativen identifizieren. Er schafft 27 richtige Entscheidungen. Nun liest er am PC ganze Wörter, die aber jeweils nur silbenweise sichtbar gemacht werden. Das Vorgehen wurde in der 6. Förderstunde genauer beschrieben. Im Anschluss führe ich den Buchstaben w neu ein. Tobias liest und schreibt Wörter, die nun neben den bereits erarbeiteten Strukturen auch ein w enthalten ohne nennenswerte Probleme. Im Verlauf der Stunde wird offfensichtlich, dass Tobias die Begriffe Einzahl und Mehrzahl nicht geläufig sind. Ich improvisiere eine mündliche Übung und nenne ein Wort in der Einzahl wie zum Beispiel "ein Auto". Tobias muss nun wiederholen und ergänzen "ein Auto, zwei Autos". Das Zahlwort "zwei" soll ihm als Assoziationshilfe dienen. Er hat erhebliche Schwierigkeiten bei der Pluralbildung. Er sagt zum Beispiel "ein Auto, zwei Auten"  oder "ein Haus, zwei Hause". Ihm scheint zwar oft bewusst zu sein, dass seine vorgeschlagene Lösung nicht richtig ist, aber er hat offenbar keine Alternative. Ich nehme mir vor, in Zukunft regelmäßig solche Einzahl/Mehrzahl-Übungen zu machen und mich hier um eine Systematisierung zu kümmern.

 Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 7. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u,

f, l, m, n, s, r,

ei, sch, au, w

nur KV-Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

8. Förderstunde am 18.04.2006

Nach dem Silbenspiel führe ich V KV als neue Silbenstruktur ein. Tobias soll nun Wörter wie Oma, Ameise oder eine lesen und schreiben. Er hat durchaus normale Anfangsschwierigkeiten beim Zeichnen der entsprechenden Silbenbogen und ist erstaunt, dass ein einziger Buchstabe eine ganze Silbe bilden kann. Es folgt die Einführung des Buchstabens ö. Tobias liest und schreibt Wörter wie Löwe oder Möwe. Ich bemerke, dass Tobias zusehends mutiger agiert. Er geht nicht mehr so zögerlich und vorsichtig an die gestellten Aufgaben heran und steigert sein Lesetempo. Offenbar ist durch seine bisherigen Erfolge ein gewisses Selbstvertrauen entstanden. Ich beobachte es mit Freude. Allerdings hat dies auch zur Folge, dass Tobias etwas ungenau beim Zeichnen der Silbenbogen wird und ich muss mehrfach präziseres Arbeiten einfordern. Es beleibt noch Zeit, um eine weitere neue Silbenstruktur einzuführen. Tobias soll nun Wörter lesen und schreiben, die aus einer geschlossenen Silbe (KVK) bestehen wie Wal, Reis oder schön. Ihm fällt es zunächst schwer, den Silbenbogen über die gewohnte KV-Struktur hinaus zur KVK-Struktur zu verlängern vor allem wenn ein Diphtong den Silbenkern bildet. Beim schlichten Lesen der Wörter sind die Schwierigkeiten geringer. Allerdings stockt Tobias beim Wort Reis. Er versucht das s stimmhaft zu lesen. Stimmlose s kamen bisher nicht vor. Ich erkläre, dass der Buchstabe s manchmal stimmhaft (wie eine summende Mücke) und manchmal stimmlos (wie eine zischende Schlange) gesprochen wird. Ich gebe ihm ein entsprechendes Lese-AB  zum Üben beider Sprechweisen. Er begreift recht schnell, dass ein s am Silbenanfang immer stimmhaft und am Silbenende immer stimmlos gesprochen wird.
Wir haben in dieser Stunde sehr viel geschafft und ich frage Tobias, ob er merke, dass er sich schon enorm verbessert hat. Er antwortet mit einem schlichten "Nö". Er habe große Fortschritte gemacht, versichere ich ihm und hoffe, dass er nur aus Bescheidenheit seine Erfolge nicht offen ansprechen möchte, sich deren aber trotzdem bewusst ist.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 8. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö

KV, V-KV, KVK-Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

9. Förderstunde am 19.04.2006

Wir beginnen am PC. Tobias liest KV- oder KVK-Silben, die ihm jeweils für eine halbe Sekunde auf dem Bildschirm dargeboten werden. Ich gebe das Ziel vor, so lange Silben zu lesen bis er 50 richtige erreicht hat und führe eine entsprechende Strichliste. Tobias bewältigt auch die neuen KVK-Silben weitestgehend gut. Es folgen zwei AB, bei denen er aus einer Gruppe von KVK-Wörtern diejenigen heraussuchen soll, die es gar nicht gibt (sogenannte Pseudowörter) und die vom Fehlerteufel auf das Blatt geschmuggelt wurden.

Auszug:


Tobias hat bei diesen AB zwar Schwierigkeiten und überlegt an einigen Stellen etwas länger, erstaunlicherweise findet er aber die allermeisten Pseudowörter (7 von 8). Ich hatte größere Probleme aufgrund seines vermutlich stark eingeschränkten Wortschatzes erwartet. Alle realen Wörter auf diesen AB kamen zwar in der vorherigen Stunde vor, trotzdem eine tolle Leistung von Tobias, der sich die Bedeutung dieser Wörter offenbar gut gemerkt hat auch wenn er einige sicherlich schon vorher kannte.
Nun schließt sich eine Einzahl/Mehrzahl-Übung nach dem Muster der vorherigen Förderstunde an. Wieder zeigen sich bei Tobias erhebliche Lücken bei der Pluralbildung.
In den letzten 10 Minuten der Förderstunde führe ich noch kurz die neue Silbenstruktur VK ein und Tobias liest Wörter mit Hilfe der Schildkröte Lorenzo Trödelgang. Er soll langsam einen Konsonanten an einen Vokal anschleifen und nicht wie gewohnt einen Vokal an einen Konsonanten. Tobias vertauscht zwar hin und wieder die Reihenfolge und liest fau statt auf, insgesamt kommt er aber mit diesem AB gut zurecht.

Auszug:


An dieser Stelle werde ich in der nächsten Stunde fortfahren.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 9. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö

KV, V-KV, KVK, VK- Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

10. Förderstunde am 26.04.2006

Wir beginnen mit der Wiederholung des letzten AB der vorherigen Stunde. Tobias schleift langsam einen Konsonanten an einen Vokal an und liest so eine VK-Silbe. Er nimmt sich genügend Zeit, so dass heute im Gegensatz zur letzten Stunde keine Buchstabendreher auftreten. Nun gehen wir zur Arbeit am PC über. Tobias liest 50 Silben, die jeweils für 500 msec. dargeboten werden und aus den Strukturen KV, KVK und VK bestehen. Hier entstehen zuweilen Buchstabendreher ( aus "er" wird "re"), aber die Anzahl hält sich in engen Grenzen. Nach einem AB mit einer Fehlersuche (vgl. AB aus der 6. Förderstunde) führe ich eine weitere neue Silbenstruktur (KV KVK) ein, wobei alle Wörter zunächst ausschließlich auf en (wie Löwen oder Rasen) enden. Tobias soll die gelesenen Wörter einem passenden Bild zuordnen (vgl. AB aus der 1. Förderstunde). Es fällt ihm anfänglich nicht leicht, die neue Silbenstruktur sauber zu erlesen. Er lässt den letzten Buchstaben "n" manchmal aus und liest "Rose" statt "Rosen". Offenbar erwartet er die vertraute KV KV - Struktur und hat jetzt Umstellungsprobleme. Allerdings wird er zunehmend mutiger und sicherer bei der Zuordnung vom gelesenen Wort zum Bild. Diese erfolgt erheblich schneller als in den ersten Förderstunden.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 10. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK- Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

11. Förderstunde am 03.05.2006

Wir beginnen am PC. Tobias liest 20 VK-Silben, die jeweils für 500 msec. dargeboten werden. Es folgen 25 Silben, die entweder aus der Struktur KV, KVK oder VK bestehen. Den Abschluss bilden 30 zu lesende Wörter der Struktur KV KVK (en), die jeweils nur silbenweise dargeboten werden (vgl. 6. Förderstunde). Insgesamt bewältigt Tobias alle Aufgaben ordentlich mit nur wenigen Lesefehlern. Natürlich liest er in seinem ihm möglichen Tempo - also vergleichsweise langsam.
Ich erweitere die neue Silbenstruktur KV KVK nun um die Endung "er". Tobias bearbeitet einige AB und liest bzw. schreibt nun unter anderem Wörter wie "schöner" oder "Maler". Nach wie vor ist er beim Zeichnen der Silbenbögen zuweilen etwas unpräzise (verrutscht um einen Buchstaben) und ich muss deren Korrektur einfordern.
Abschließend folgt eine mündliche Einzahl/Mehrzahl - Übung (vgl. 7. Förderstunde). Ich systematisiere diese Übung in dem ich von jetzt an erst einmal nur Wörter aus dem Sprachbuch der Klasse benutze, deren Plural durch Hinzufügung eines "n" (nach einem Vokal) oder eines "e" gebildet wird. Tobias soll zunächst nur diese beiden häufigen Pluralformen bewusst kennenlernen und anwenden. Ich reduziere so Komplexität und verschiebe andersartige Pluralbildungen auf einen späteren Zeitpunkt.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 11. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK- Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

12. Förderstunde am 10.05.2006

Wir beginnen wieder am PC. Tobias liest VK-, KV- und KVK-Silben, wobei die Darbietungszeit nun von 500 auf 400 msec. verkürzt wird. Es folgen silbenweise dargebotene Wörter der Strukturen KV KVK (mit Endungen en und er). Tobias meistert alle Aufgaben gut.
Im Anschluss erhält er ein AB, welches KV KVK - Wörter mit der Endung "es" beinhaltet. Beim einfachen Lesen und dem Zeichnen von Silbenbogen entstehen hier keine Probleme.

Auszug:

Allerdings scheint Tobias die grammatische Grundlage dieser Endung nicht bewusst zu sein. In einer weiteren Übung (Fehlersuche vgl. 6. Förderstunde) zeigt sich, dass es für ihn genauso gut "ein schönen Mofa" wie "ein schönes Mofa" heißen kann.

Es folgt ein Wortdiktat. Dazu führe ich die Figur des Fehlerteufels ein und erkläre, dass dieser üble Geselle nur ein einziges Ziel hat: Fehler in die Wörter der Kinder zu schmuggeln. Ich hefte ein Bild des Teufels an die Tafel und zeichne ein Tabelle. Tobias schreibt seinen Namen hinzu.

 

                           


Es gilt die Regel, dass Tobias sich ein richtig geschriebenes Wort in der Tabelle mit einem Strich gutschreiben kann. Schafft es der Teufel aber, einen Fehler ins Wort zu schmuggeln, bekommt er einen Strich. Es gewinnt, wer zuerst 10 Striche hat. Mit dem Fehlerteufel möchte ich auf der psychologischen Ebene die Verantwortung für einen Rechtschreibfehler vom Kind weg auf eine externe Figur verlagern, um so den Druck zu verringern, der erfahrungsgemäß sehr stark auf LRS-Schülern lastet. Zudem ergibt sich so eine spielerische Wettbewerbssituation, die meistens sehr motivierend wirkt.

Tobias hat die Aufgabe, vor dem Schreibbeginn das von mir normal vorgesprochene Wort noch einmal zu wiederholen und es dabei in Silben zerlegen. Dann soll er es an die Tafel schreiben, sich dabei synchron mitsprechend begleiten und zwischen den Silben eine Pause einlegen. Er schreibt folgende Wörter ohne einen einzigen Fehler: Nasen, Namen, Schaum, Seile, Maler, Leser, Maschinen, Löwen, Ameisen, Eier.
Er gewinnt gegen den Teufel mit 10 zu 0 und ist sehr stolz.
Wir beenden die Stunde mit einer Einzahl/Mehrzahl-Übung. Zum ersten Mal seit Beginn dieser Übungsform habe ich den Eindruck, dass Tobias etwas sicherer bei der Pluralbildung wird.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 12. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK- Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

13. Förderstunde am 17.05.2006

Wir beginnen am PC. Tobias liest 70 Silben der Strukturen VK, KV und KVK, die diesmal jeweils nur 300 msec. dargeboten werden. Ca. 90% der Silben liest Tobias korrekt - eine ordentliche Quote, die aber nicht weiter unterschritten werden sollte. Die Lesefehler verteilen sich auf Drehungen ("re" statt "er") und den letzten Buchstaben bei KVK-Silben ("min" statt "mir"). Nach einem Hinweis, dass er sich verlesen hat, kann sich Tobias aber meist selbst korrigieren ohne die Silbe ein weiteres Mal gesehen zu haben.
Es folgen zu lesende Wörter der Struktur KV KVK (mit Endung "es"), die silbenweise auf dem Bildschirm dargeboten werden. Tobias hat Schwierigkeiten mit dieser Wortendung und braucht für das Erlesen mehr Zeit als z. B. für die gebräuchlicheren Endungen "en" oder "er".

Nun führe ich die neue Silbenstruktur VK KV KVK ein. Tobias soll drei AB bearbeiten, das heißt VK KV KVK - Wörter lesen, Silbenbogen zeichnen und eine Verbindung zum passenden Bild ziehen.

Auszug:


Tobias liest weitgehend richtig und findet in der Regel das passende Bild obwohl letzteres durchaus nicht immer einfach ist. Beim Zeichnen der Silbenbogen muss ich allerdings häufiger korrigierend eingreifen. Auch wenn er mündlich ein Wort präzise in Silben zerlegen kann, so hat er doch Schwierigkeiten, seinen relativ präzisen Sprechrhythmus genauso präzise ins Silbenbogenzeichnen zu übertragen.
Beim letzten der drei AB protestiert Tobias zaghaft gegen die weitere Arbeit. Offenbar strengt es ihn heute zu sehr an. Ich bestehe auf die Erledigung der Aufgabe, verzichte aber auf die eigentlich geplanten weiteren AB. Stattdessen soll Tobias an der Tafel 10 Wörter der neuen Struktur gegen den Fehlerteufel schreiben (vgl.12. Förderstunde). Beim zweiten und dritten Wort entstehen regelrechte Wortruinen wie z. B. "aslfn" statt "auslaufen". Tobias arbeitet heute nicht so genau und kontrolliert wie gewohnt, das heißt , dass er sich nicht genügend bemüht, langsam und synchron mitzusprechen. Er liegt nun gegen den Fehlerteufel mit 2 zu 1 im Hintertreffen. Ich weise ihn deutlich darauf hin, dass er sauber mitsprechen soll und bitte für die nächsten Wörter um erhöhte Anstrengungen verbunden mit dem Versprechen, dass er danach kein weiteres Wort mehr schreiben muss. Tobias wendet nun konsequent die Mitsprechtechnik an und schreibt tatsächlich alle folgenden Wörter richtig. Wir schließen mit einem Silbenspiel.

Ich hoffe, heute nicht zu viel von Tobias gefordert zu haben und beende die Stunde mit einem etwas unguten Gefühl.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 13. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

14. Förderstunde am 24.05.2006

Mein ungutes Gefühl nach der letzten Förderstunde scheint sich zu bestätigen. Kurz vor dem vereinbarten Termin meldet sich Tobias` Mutter telefonisch bei mir und erklärt, dass ihr Sohn nach der Schule sofort nach Hause und nicht in die Ganztagsbetreuung gegangen sei. Er wolle jetzt auch nicht mehr in die Schule zurück. Ich lasse mir Tobias persönlich an den Apparat geben und bitte ihn, wieder in die Schule zu kommen. Er sagt sein Kommen sofort und ohne erkennbaren Widerwillen zu.
Tobias erscheint allerdings stark verspätet am vereinbarten Ort und erklärt, dass er den Termin vergessen habe. Ich frage, ob er vielleicht auch keine Lust auf die Förderstunde gehabt habe. Tobias verneint und signalisiert mir, nicht weiter zu bohren. Ich respektiere dies und stehe vor einem Rätsel, weil Tobias sich nicht weiter äußern möchte.

Hat er den Termin tatsächlich vergessen?

Hat er Streit mit Kameraden aus der Ganztagsbetreuung und flüchtet deshalb nach Hause?

Fordere ich zuviel von ihm in dem Sinne, dass er bezüglich des Bereichs Schriftsprache lieber in Ruhe gelassen werden möchte?

Hat er Angst vor einem anstehenden Termin bei einem Pädaudiologen, den ich bei der Mutter angeregt habe? Wer weiß, welche Ängste durch missverständliche Aussagen von mir entstanden sein könnten.

Tobias jedenfalls möchte deutlich erkennbar nicht, dass ich ihn weiter frage.

Also beginnen wir ganz normal mit der Förderstunde. Tobias liest KV-, VK- und KVK-Silben (Darbietungsdauer 300 msec.) am PC und soll diese danach unter sechs Auswahlmöglichkeiten wiedererkennen. Danach liest er VK KV KVK - Wörter, die er silbenweise dargeboten bekommt. Im Anschluss spielen wir das Silbenspiel mit dem Wortmaterial der letzten Förderstunden und gehen dann zu einer Schreibübung (sechs richtige Wörter gegen den Fehlerteufel) über. Tobias schreibt alle sechs Wörter sofort richtig. Bis dahin hat er bei allen Übungen motiviert und erfolgreich mitgearbeitet.
Nun führe ich den Buchstaben "H" neu ein. Tobias erhält nach einer Silbenleseübung ein AB, bei dem er Wörter lesen, Silbenbögen zeichnen und das passende Bild zuordnen soll. Tobias äußert Unmut und erklärt, dass er diese AB nicht möge und alles andere (PC, Silbenspiel, Schreiben gegen den Teufel) lieber mache. Ich verweise darauf, dass es sich nur um ein einziges AB handelt woraufhin Tobias die Aufgabe erledigt. Zum Ende der Stunde machen wir eine Einzahl/Mehrzahl-Übung und ich bedanke mich bei Tobias, dass er noch zur Stunde erschienen ist.
Ich nehme mir vor, Tobias beim nächsten Termin genauer zu fragen welche Übungen er warum mag beziehungsweise nicht mag.

 

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 14. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

15. Förderstunde am 31.05.2006

Vor der Förderstunde spreche ich mit Tobias´ Lehrerin über dessen Fernbleiben in der vergangenen Woche. Das Gespräch beruhigt mich erheblich. Die Lehrerin berichtet, dass Tobias ihr in der letzten Woche gesagt habe, dass er an diesem Tag früh nach Hause müsse, um mit seiner Mutter einen auswärtigen Termin wahrzunehmen. Hier habe Tobias seine Mutter aber offenbar missverstanden. Dass Tobias dann nicht mehr in die Schule zurückkehren wollte, erklärt die Lehrerin überzeugend mit dessen immenser Schüchternheit. Sie habe schon oft erlebt, dass sich Tobias schon bei kleinsten Unkorrektheiten ungeheuer schämt, förmlich erstarrt und am liebsten im Boden versinken möchte. Ich entschließe mich, dieser Deutung der Vorkommnisse zu folgen und werde in der folgenden Förderstunde glücklicherweise bestätigt.


Tobias präsentiert sich erheblich freier und gesprächiger als je zuvor. Auf die Frage nach seinen Vorlieben  im Sportunterricht antwortet er nicht wie sonst mit einem Achselzucken sowie einem "Weiß nicht!". Stattdessen erklärt er mir ausführlich sein Lieblingsspiel, bei dem man die Mitschüler mit einem Ball abwerfen müsse. Zum ersten Mal erlebe ich Tobias richtiggehend gelöst und fröhlich. Ich freue mich sehr.
Inhaltlich gleicht die Förderstunde der vorherigen. Den Übungen am PC folgen ein Silbenspiel und einige AB zur Integration des Buchstaben "H" wobei auch die Vorsilben "hin" und "her" eingeführt werden, allerdings ohne theoretischen Hintergrund.


Im Anschluss schreibt Tobias sechs Wörter gegen den Teufel. Ihm gelingt ein 6 zu 1. Der einzige Fehler besteht im Wort "hinschauhen". Das hinzugefügte "h" zeigt mir aber wie genau Tobias das Wort ausgehend von seiner Umgangssprache analysiert hat. Insofern betrachte ich diesen Fehler eher als Zeugnis für das Gelingen des gegenwärtigen Lernprozesses, nämlich der präzisen Zerlegung von gesprochenen Wörtern in Einzellaute bzw. Silben.
Wir beschließen die Stunde mit einer Einzahl/Mehrzahl-Übung. Nach den ersten Wörtern stelle ich fest, dass Tobias keine substanziellen Fortschritte macht und ändere mein Vorgehen. Zur Erinnerung: Bei dieser Übung verwendete ich bisher ausschließlich Wörter, deren Pluralform mit der Hinzufügung eines "e" oder eines "n" gebildet wird. Allerdings habe ich diesen Sachverhalt Tobias bisher nicht explizit erklärt, was ich nun nachhole. Ich schreibe "+e" und "+n" an die Tafel und erläutere, dass es bei dieser Übung nur eine dieser beiden Lösungen gibt, verweise aber auch darauf, dass noch andere Mehrzahlbildungsmöglichkeiten existieren, welche aber erst später behandelt würden. Mit dieser Hilfestellung wird Tobias ganz erheblich treffsicherer und schneller in seinen Entscheidungen. Die Fehlerquote sinkt quasi auf 0. Es ist ihm in allen vorherigen Stunden offensichtlich nie bewusst geworden, dass es immer nur diese beiden Lösungsmöglichkeiten gab.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 15. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

 

16. Förderstunde am 07.06.2006

Wir beginnen mit denselben Übungen am PC wie in den beiden vorherigen beiden Stunden. Tobias wird hier zusehends schneller und sicherer. Er macht so gut wie keine Fehler. Es folgt ein Silbenspiel mit allen Wörtern, die den vor kurzem eingeführten Buchstaben "h" enthalten. Die Integration des neuen Buchstabens ist gelungen. Tobias verliest sich zwar zuweilen bei den Endungen ("ruhen" statt "ruhe"),dies ist aber meines Erachtens nicht auf ein Kompetenzdefizit im engeren Sinne, sondern auf den Versuch zurückzuführen, das Wort teilweise zu erraten statt es sauber von Anfang bis Ende zu erlesen. Eine solche Lesestrategie ist in Tobias` Augen sicherlich schnell, mit weniger Mühe verbunden und teilweise erfolgreich. Aus meiner Sicht wird sie ihm mittelfristig allerdings mehr schaden als nützen, weil die Fähigkeit des präzisen Erlesens die entscheidende Voraussetzung für viele weiteren Lernschritte darstellt.
Es folgen einige AB (Fehlersuche, Pseudowörtersuche), die den Abschluss der Integration des Buchstabens "H" bilden. Tobias erledigt sie erfolgreich, aber mit dem Hinweis, dass er wenig Lust dazu habe. Das Gleiche gilt für die nachfolgende Schreibübung gegen den Teufel. Er macht nahezu alles richtig, in seinen Äußerungen (verbal und nonverbal) erkenne ich aber relativ wenig Stolz auf seine Erfolge. Ich deute Tobias` Verhalten als eine Reaktionauf die neue Situation, die für ihn durch die Förderstunden entstanden ist.

Laut seiner Lehrerin hat sich Tobias in den Fächern Sprache und Sachkunde seit Schulbeginn kein einziges Mal zu Wort gemeldet. Lediglich beim Rechnen beteilgt er sich, wenn auch sehr selten, wobei sein Beitrag dann aber nur in der bloßen Nennung einer Zahl als Lösung einer Aufgabe besteht. Tobias zieht sich offenbar seit Jahren in ein Schneckenhaus zurück und vermeidet so weit wie möglich jede sprachliche Äußerung. Seine Mutter wies mich daraufhin, dass Tobias schon im Kindergarten erst nach sehr langer Zeit und dann auch nur zögerlich Kontakte aufgenommen hätte.

Nun also komme ich und zwinge ihn einmal in der Woche für 50 Minuten das tun, was er erstens nicht will und zweitens nicht kann, nämlich zu lesen, zu schreiben und zu sprechen. Um im Bild zu bleiben: Ich zerre ihn aus seinem Schneckenhaus, in dem er es sich im Laufe der Jahre relativ komfortabel eingerichtet hat und das er offensichtlich als geschützten Raum empfindet. Mein Verhalten während der Förderstunden erfüllt in seinen Augen wahrscheinlich mindestens die Tatbestände der Ruhestörung, Belästigung und Nötigung.

Ob Tobias´generelle Zurückgezogenheit eine Reaktion auf bestimmte Vorkommnisse oder ein Persönlichkeitsmerkmal darstellt, ist für mich zur Zeit nicht beurteilbar. Ich tendiere aber eher zu letzterem. Angesichts der möglichen Lebensperspektive von Tobias, Analphabet zu bleiben, sehe ich allerdings keine Alternative zu meinem jetzigen Vorgehen. Ich werde, auch wenn es mir nicht leicht fällt, die Rolle des Ruhestörers weiterspielen, nehme mir aber vor, vorsichtig mit Tobias umzugehen.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 16. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase (+ 'Ich' als Ganzwort)

ja

nein

17. Förderstunde am 14.06.2006

Am PC liest Tobias 30 Silben mit den Strukturen KV und KVK, die alle den Buchstaben "H" enthalten. Er arbeitet schnell und genau. Mit einer Fehlersuche im Satz (vgl. 6. Förderstunde) schließe ich die Integration des Buchstabens "H" ab.
Es folgt die Einführung des "D" mit der Vorstellung der bestimmten Artikel der, die und das. Tobias hat kein Problem beim Erlesen der Artikel. Nun soll er Wörter lesen und ihnen den richtigen Artikel zuweisen, was ihm erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Er liest zwar fast alle Wörter richtig, kann aber zu keinem spontan den korrekten Artikel nennen. Tobias probiert zunächst alle Artikel aus und wägt jeweils sorgfältig ab, bevor er sich für folgende Lösungen entscheidet:

der Hose, das Hase, das Hafen, die Feier, der Schaf, die Reihe, das Mauer, der Haus, die Sofa, der Maler, der Eimer, die Eisen

Tobias` Trefferquote liegt im Bereich der Zufallswahrscheinlichkeit. Ich verzichte auf Rückmeldung und Korrekturen, um ihn nicht zu sehr zu frustrieren und gehe zu einem neuen AB (Wörter lesen und dem passenden Bild zuweisen) über. Tobias erledigt die Aufgabe ganz ordentlich, aber nicht ohne seine Unlust (Warum muss ich das machen?) kundzutun. Ich versuche ihn von der Wichtigkeit der Übungen und des Lesenkönnens überhaupt zu überzeugen, verweise unter anderem darauf, dass man in jedem Beruf lesen können müsse und frage nach den Berufen seiner Eltern. Tobias zuckt mit den Achseln und antwortet: " Weiß nicht." Ungehalten erkläre ich, dass ich ihm das nicht glauben könne. Nun fragt er mich, was denn ein Beruf sei. Nach einer Erklärung kann er mir den Beruf seines Vaters nennen, seine Mutter würde nicht arbeiten. Ich bitte ihn, mir zukünftig immer zu sagen, wenn er eine Frage nicht versteht.
Diese Episode macht mir erneut die Notwendigkeit der Hinzuziehung weiterer Fachleute deutlich. In einigen Wochen wird Tobias einen Termin bei einem Pädaudiologen haben. Ich warte gespannt auf dessen Befunde und bin mir sicher, dass für Tobias eine Lese- Rechtschreibförderung allein nicht ausreichend sein wird.
Nachdem Tobias 10 Wörter, die ein "D" enthalten, in Silben zerlegt und an die Tafel geschrieben hat (neun davon richtig), lasse ich mir von ihm mündlich die Bedeutungen von Wörtern erklären, die in den bisherigen Förderstunden eine Rolle gespielt haben. Erfreulicherweise antwortet er auf die allermeisten Fragen (Z.B.: Was ist eine Sirene?) nicht nur richtig, sondern teilweise sogar ausführlicher in bis zu zwei bis drei Sätzen. Ich lobe ihn ausdrücklich für diese wortreicheren Beiträge und nehme mir vor, solche Übungen in Zukunft regelmäßig zu durchzuführen.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 17. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame (+ "ich" und "die" als Ganzwörter)

ja

nein

 

18. Förderstunde am 21.06.2006

Tobias kommt ungewöhnlich gut gelaunt in die Förderstunde. Er liest am PC 30 KV-Silben, zusammengesetzt aus den Konsonanten H und D sowie den bisher erarbeiteten Vokalen, die er danach jeweils aus sechs möglichen Alternativen wiederfinden muss. Er hat keine nennenswerten Probleme. Es folgen die bekannten AB "Wörter lesen mit Bildzuweisung", Pseodowörter finden" und "Fehlersuche im Satz".
Tobias arbeitet mit bisher nicht gesehenem Tempo und mit für ihn bemerkenswerter Sicherheit. Ich bin überrascht und sehr erfreut. Meine Frage, ob er heute besonders gut in Form sei, beantwortet er mit einem fröhlichen "ja" inklusive eines Lächelns. Nun schreibt er an der Tafel 10 Wörter (alle enthalten ein "D") "gegen den Teufel", nachdem er sie mündlich in Silben zerlegt hat. Er bewältigt die Aufgabe fehlerlos. Zum Abschluss frage ich nach den Bedeutungen von 20 Wörtern, die alle im bisherigen Förderverlauf eine Rolle gespielt haben. Tobias kann die allermeisten Wörter erklären. Ich lobe ihn sehr für seine tolle Arbeit an diesem Tag.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 18. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame (+ "ich" und "die" als Ganzwörter)

ja

nein

 

19. Förderstunde am 12.07.2006

Aufgrund Tobias` großer Schwierigkeiten habe ich mich entschlossen, auch in den Ferien mit ihm weiterzuarbeiten. In der Arbeitsstruktur gleicht diese Stunde weitgehend der vorherigen. Nach dem Einstieg am PC, gefolgt von einem Silbenspiel gehen wir zu den AB über. Da ich allerdings seiner ständigen Beschwerden bezüglich des Silbenbogenzeichnens überdrüssig bin, biete ich Tobias einen Kompromiss an: Er muss die Silbenbögen nur dann zeichnen, wennn er das Wort fehlerhaft gelesen hat. Er soll sich aber weiterhin bemühen sorgfältig in Silben zu lesen. Tobias geht natürlich gerne darauf ein und erledigt alle AB trotz der dreiwöchigen Pause mit Bravour. Als neues Ganzwort führe ich das Wort "werde" ein, welches Tobias nun mehrfach aus einer Vielzahl von Wörtern heraussuchen muss. Jetzt lege ich ihm Lesesätze vor, die alle ein "werde" enthalten.

Auszug:


Tobias liest diese Sätze ohne Schwierigkeiten, wenn auch langsam.

Beim Schreiben "gegen den Teufel" kommt es zu bisher nicht beobachteten Schwierigkeiten. Tobias ersetzt die Endung  "en" systematisch durch "el". Er spricht und schreibt dann "redel" statt "reden". Ich kann dieses Phänomen auf Anhieb nicht erklären und beschließe, es in den nächsten Stunden im Auge zu behalten.
Zum Abschluss erklärt Tobias wieder 20 Wortbedeutungen. Ich bin zufrieden und erleichtert, dass Tobias nach dreiwöchiger Förderpause keine  Kompetenzverluste zeigt und weiterhin motiviert mitarbeitet.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 19. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame (+ "ich", "die" und "werde"  als Ganzwörter)

ja

nein

 

20. Förderstunde am 18.07.2006

Wir beginnen mit einem Silbenspiel, welches Tobias nach wie vor großen Spaß bereitet, vor allem wenn er gewinnt, und wiederholen dann die Übungen zum neuen Ganzwort "werde". Gleich im Anschluss führe ich das neue, nicht lauttreue Ganzwort "und" mit strukturell den gleichen AB ein. Mit der Integration des "und" ergibt sich nun die Möglichkeit auch längere Sätze in den Förderprozess einzubeziehen wie zum Beispiel bei dieser Fehlersuche:


(Auszug)

Diese für ihn recht langen Sätze liest Tobias sicher wenn auch langsam. Für das Finden der Fehler braucht er meist nicht lange.
Abschließend erhält Tobias die Aufgabe, zehn Sätze zu bilden, die alle ein "und" und mindestens sechs Wörter enthalten sollen. Es gelingt ihm, zehn einfache und grammatisch oft richtige Sätze zu bilden.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 20. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

21. Förderstunde am 19.07.2006

Wir starten mit einem Silbenspiel und nutzen dieselben Karten wie in den vorherigen Stunden. Es schließen sich zwei AB mit grammatischer Thematik an. Tobias soll den richtigen Artikel vor ein Akkusativobjekt setzen.

Auszug:


Wieder offenbaren sich Tobias` große Schwierigkeiten bei der Artikelzuweisung und ich beschließe, mich in Zukunft auf den korrekten Artikelgebrauch im Nominativ zu beschränken. Dies ist unter anderem teilweise beim nächsten AB die Aufgabenstellung. Der andere Teil besteht in der Suche nach der richtigen Pluralendung. Hier macht Tobias meist alles richtig, obwohl er sich erkennbar oft in seinen Entscheidungen nicht sicher ist.

Auszug:


Nun wartet eine neue Herausforderung auf Tobias. Erstmals im Förderprozess soll er zwei Nomen zusammensetzen (also recht lange Wörter bilden) und einem Bild zuordnen. Diese Aufgabe gelingt ihm recht gut.

Auszug:


Die Bildung zusammengestzter Nomen ist die Voraussetzung für das Lösen des nun folgenden Kreuzworträtsels (KWR), welches Tobias nun voller Ehrgeiz und mit Erfolg zu bearbeiten beginnt.

Auszug:


Vor Beginn des KWR habe ich ihm zwei streichholzartige Plastikstifte gegeben, die er - wenn nötig - gegen je einen Tipp von mir eintauschen kann. Tobias fühlt sich offenbar "an der Ehre gepackt" und bemüht sich sehr das Rätsel ohne Hilfe zu lösen. Er schafft es tatsächlich und ist unendlich stolz.
Zum Abschluss bildet er wie in der vorherigen Stunde sechs Sätze mit "und".

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 21. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

22. Förderstunde am 25.07.2006

Heute wird der Konsonant "K" am PC neu eingeführt, dabei aber direkt in Silbenform dargeboten (Ka, Ke, Ki etc.). Wie gewohnt liest Tobias KV-Silben und sucht diese daraufhin aus sechs möglichen Alternativen heraus. Er agiert sehr sicher beim Lesen dieser Strukturen. Es folgt ein Silbenspiel mit entsprechenden Karten, die also ausschließlich Wörter mit den bisher erarbeiteten Buchstaben und Silbenstrukturen beinhalten. Die nun zu bearbeitenden AB zur Integration des neuen Buchstabens "K" enthalten strukturell die gleichen Übungen wie in den bisherigen Stunden. Tobias beeilt sich sehr bei der Erledigung der AB, um bis zum neuen Kreuzworträtsel zu gelangen, das am Ende auf ihn wartet. Mit einer kleinen Verlängerung der Stunde schafft er es, sowohl die AB als auch das Kreuzworträtsel erfolgreich zu bearbeiten. Mit Freude beobachte ich wie Tobias zusehends sicherer und flüssiger liest und schreibt.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 22. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

23. Förderstunde am 01.08.2006

Der üblichen Eingangsübung am PC (diesmal zur Festigung des "K") folgt ein Silbenspiel und das Schreiben "gegen den Teufel". Tobias kommt gut zurecht. Ein neuartiges AB beinhaltet ein bebildertes Silbenrätsel, welches Tobias gut zu lösen vermag.

Auszug:


Allerdings kann er nur fünf von acht Wörtern (Kamel, Kamera, Haken, Kamin, Kanu, Kuli Nikolaus, Kanal) den richtigen Artikel zuzuweisen. Auch nach mehreren Übungsdurchgängen ist er nicht in der Lage, sich alle passenden Artikel zu merken.
Nach einem weitern AB (Nomen zusammensetzen) soll Tobias nun zum ersten Mal einen ganzen Satz nach Diktat schreiben. Ich diktiere dabei jedes Wort einzeln und sage die Groß- und Kleinschreibung an. Tobias spricht während des Schreibens gut mit und macht keinen einzigen Fehler. Wir hatten zuvor vereinbart, dass er so lange Sätze schreibt bis er einen komplett richtig geschrieben hat. Bereits nach dem ersten Satz ist für Tobias diese Übung und damit auch die Förderstunde beendet.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 23. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

24. Förderstunde am 01.08.2006

Wie zwei Stunden zuvor der Buchstabe "K", wird nun der Buchstabe "P" am PC (mit direkter silbischer Einbindung) und mit einem Silbenspiel neu eingeführt. Es folgen mehrere AB der Sorte "Wörter lesen und Bildern zuordnen" und "Passende Wörter zu Bildern schreiben" (vgl. 1. Förderstunde).
Beim anschließenden Schreiben "gegen den Teufel" unterlaufen Tobias wie schon vor zwei Wochen wieder Fehler der Art, dass er die Endungen "en" und "er" durch ein "el" ersetzt und zum Beispiel "Pudeldose" statt "Puderdose" schreibt. Schade - ich bin davon ausgegangen, dass diese Fehlerart eine einmalige Angelegenheit gewesen wäre, da sie in den letzten Förderstunden nicht mehr zu beobachten war.
Insgesamt hat Tobias allerdings wenig Schwierigkeiten mit dem neuen Buchstaben "P".

 Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 24. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

25. Förderstunde am 08.08.2006

Am PC liest Tobias 30 KV-Silben zur Festigung des neuen Buchstabens "P". Nach einem Silbenspiel (Tobias gewinnt fast immer, er hat offenbar eine Glückssträhne) sind unter anderem zwei AB "Pseudowörter suchen" an der Reihe. Auffällig ist, dass Tobias bei dieser Übungsart erheblich an Sicherheit gewonnen hat. Offenbar gelingt es ihm zunehmend, sich die neu vorkommenden Wörter aus dem Silbenspiel und den AB einzuprägen. Die häufige Verwendung von illustrierendem Bildmaterial ist ihm sicherlich eine große Hilfe.
Eine Schreibübung "gegen den Teufel" an der Tafel rundet die Stunde ab. Die "el"-Problematik der letzten Stunde ist heute nicht zu beobachten. Tobias` Arbeitsmotivation ließ in dieser Stunde etwas nach. Er war nicht mit so großem Elan bei der Sache wie noch zuletzt.

 Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 25. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

26. Förderstunde am 09.08.2006

Die Ferien sind vorüber und heute sind wir zum ersten Mal wieder in der Schule. Einem Silbenspiel mit den neuen P-Karten folgen die üblichen AB um den neuen Buchstaben "P" weiter zu festigen. Tobias liest wie immer sicher, wenn auch nach wie vor sehr verlangsamt (relativ zum Niveau seiner Altersgruppe). Wenn Lesefehler auftreten, betreffen diese meist die Endungen von unbestimmten Artikel oder Possessivpronomen. So liest er zum Beispiel "mein" statt "meine" oder "ein" statt "einen". Zum Schluss der Stunde erhält er ein Kreuzworträtsel und geht wieder mit großem Eifer an dessen Bearbeitung. Nachdem er allerdings bei einigen Bildern nicht das passende Wort findet, erlahmt sein Interesse zusehends, so dass als Folge unter anderem sein Schriftbild sehr unsauber wird. Mit sachdienlichen Hinweisen meinerseits gelingt es ihm dann aber doch das Lösungswort des Rätsels zu ermitteln. Wie schon in der vorherigen Stunde habe ich den Eindruck, dass Tobias` Motivation gesunken ist. Ob es sich hier um eine normale Schwankung oder eine Reaktion auf  eine Überforderung durch mich oder den bevorstehenden bzw. aktuellen Schulbeginn handelt, kann ich noch nicht beurteilen.

 Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 26. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

27. Förderstunde am 16.08.2006

Wir beginnen ein Silbenspiel mit dem gleichzeitig der Buchstabe "T" neu in den Förderprozess integriert wird. Tobias liest die entsprechenden Karten (z.B. Tapete oder Piraten) zwar zögernd, aber insgesamt fast alle richtig.
Vor Beginn der Arbeit mit den AB verkündet Tobias, dass er heute nicht schreiben werde. Einen Grund kann oder will er nicht nennen. Tobias hatte bis zu Beginn der Stunde an seinen Hausaufgaben gearbeitet. Die Erzieherin hatte mir mitgeteilt, dass er völlig überfordert gewesen sei und sie beim Schreiben jedes Wort hätte korrigieren müssen. Wahrscheinlich ist Tobias nun deshalb nicht mehr gewillt, diese in seinen Augen quälende und sinnlose Beschäftigung weiterzuführen.
Nach einigem Zureden erklärt er sich dann doch bereit, zumindest ein paar AB ("Wörter lesen und dem passenden Bild zuordnen" und "Wörter schreiben") in Angriff zu nehmen. Er erledigt diese einigermaßen passabel, wobei ihm allerdings durch seine oberflächliche Arbeitshaltung beim Schreiben (Er spricht nicht synchron mit.) mehr Fehler als gewöhnlich unterlaufen. Wir beschließen die Stunde mit einem bebilderten Silbenrätsel (vgl. 23. Förderstunde), welches Tobias gut löst. Allerdings hat er wieder erhebliche Schwierigkeiten, den Wörtern den richtigen Artikel zuzuordnen.

Tobias befindet sich seit Schuljahresbeginn in einer LRS-Fördergruppe, die von seiner Klassenlehrerin geleitet wird. Ich halte Rücksprache mit ihr und schlage vor, in dieser Gruppe einige AB aus dem Recklinghäuser Lese- Schreibaufbau zu verwenden. Ich erhoffe mir, dass Tobias so in dieser Fördergruppe Erfolgserlebnisse sammeln kann und erfährt, dass seine Bemühungen in unseren Stunden trotz aller Schwierigkeiten sehr lohnenswert sind. Die Klassenlehrerin ist gerne bereit, Tobias diese Möglichkeit zu eröffnen.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 27. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

28. Förderstunde am 23.08.2006

Da in der Schule zur Zeit kein PC zur Verfügung steht, starten wir mit einem Silbenspiel zur weiteren Festigung des Buchstabens "T". Leider haben die LRS-Förderstunden der Klassenlehrerin nicht stattgefunden. Also übernehme ich die geplanten AB "Wörter lesen/Bild zuordnen", "Sätze lesen" (und jeweils schreiben), "Pseudowörter suchen", "Fehlersuche im Satz" sowie "Wörter zusammensetzen". Tobias liest ganz passabel, versäumt allerdings beim Schreiben desöfteren das syllabierende, synchrone Mitsprechen, so dass ich ihn mehrmals daran erinnern muss.
Wir beschließen die Stunde mit einer mündlichen Übung, bei der Tobias die Bedeutung von Wörtern erklären muss, die bisher im Förderprozess eine Rolle spielten. Wiederum ist es schön zu beobachten, dass er sich die entsprechenden Wortbedeutungen nahezu immer gut gemerkt hat. Er antwortet auf meine Fragen zwar in grammatisch unkorrekt aufgebauten Sätzen, aber immerhin in Sätzen.
Beispiele:

"Was ist eine Pedale?" - "Wo man am Fahrrad machen kann."
"Was ist ein Ton?"     - "Wo man Musik machen kann."
"Was ist eine Hupe?"   - "Wo man am Auto haben kann."

Ich nehme mir für die ZUkunft vor, mit Tobias auch daran zu arbeiten, korrekte Sätze zu bilden. Wahrscheinlich werde ich ihm solche nach seiner Antwort modellhaft vorgeben.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 28. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

29. Förderstunde am 30.08.2006

Nach wie vor sind die PC der Schule außer Betrieb. Wir beginnen wieder mit einem Silbenspiel und benutzen die "T"-Karten zur weiteren Integration dieses Buchstabens.
Für diese Stunde habe ich mir eine neue Übung ausgedacht. Ich habe 20 Karten erstellt, bei denen jeweils auf der einen Seite ein BIld und auf der anderen der entsprechende Begriff mit Artikel dargestellt ist. Natürlich kommen nur Wörter vor, die aus den bisher erarbeiteten Buchstaben und Silbenstrukturen bestehen.

Beispiel:


Zunächst liegen alle Karten mit der Wortseite nach oben vor Tobias. Er liest jede Karte und dreht diese dann auf die Bildseite um. Nachdem Tobias alle Karten gelesen hat, soll er nun zu jedem Bild den Begriff mit korrektem Artikel nennen. Bei vollständig richtiger Lösung darf er die Karte an sich nehmen. Anderenfalls bekomme ich sie. Tobias ist mit großer Freude bei der Sache. Es ist ihm offenbar sehr wichtig, am Ende mehr Karten zu haben als ich. Dies gelingt ihm auch mit einem Endstand von 15:5. Bei seinen unkorrekten Lösungen handelt es sich immer um eine falsche Artikelwahl. Wir wiederholen nun den Durchgang mit den fünf im ersten Versuch fehlerhaften Karten bis er auch hier die richtige Lösung findet. Ich gebe Tobias alle 20 Karten zur Hausaufgabe. Er soll diese mit der Erzieherin aus der Ganztagsbetreuung nach demselben Schema bearbeiten.
Am Ende der Stunde folgt wieder eine mündliche Semantikübung. Wie schon in der letzten Stunde angedacht, gebe ich nach Tobias` Antwort manchmal modellhaft eine grammtisch korrigierte Alternative vor.

Beispiel:

"Was ist ein Pilot?" - "Wo man im Flugzeug ist."       Modell: "Oder: `Ein Pilot steuert ein Flugzeug.`"

Tobias nimmt meine Vorschläge mit einem akzeptierendem Nicken auf. Ein bisschen stecke ich in der Zwickmühle, weil ich Tobias mit meinen Korrekturen nicht entmutigen möchte. Auf der anderen Seite ist ein positives Sprechmodell wahrscheinlich sehr hifreich. Letztendlich glaube ich, mit einem nur manchmal angebotenen Alternativvorschlag einen guten Mittelweg gefunden zu haben.

 

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 29. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

30. Förderstunde am 06.09.2006

Da der PC immer noch außer Betrieb ist, wiederhole ich die Übung mit den Bildkarten aus der vorherigen Stunde. Nachdem Tobias alle Begriffe gelesen hat und die Karten mit der Bildseite vor ihm liegen, soll er sich nun zehn Bilder aussuchen, um dann die entsprechenden Begriffe mit Artikel aufzuschreiben. Er schafft ein 10 zu 0.
Nun folgen einige AB ("Fehlersuche im Satz" und "Nomen zusammensetzen") zum Abschluss der Integration des Buchstabens "T". Da Tobias bei der Arbeit mit den Bildkarten sehr motiviert war, habe ich weitere 15 Karten erstellt, die Wortmaterial aus dem vorherigen Lernabschnitt (Einführung des "P", z. B.: die Pause, der Pelikan, etc.) beinhalten. In einem mündlichen Durchgang (vgl. 29. Förderstunde) benennt er elf Bilder richtig. Die vier Fehler entstehen jeweils durch falsche Artikelwahl.
Mit Tobias` Lehrerin und der Erzieherin aus der Ganztagsbetreuung habe ich vereinbart, dass Tobias in Zukunft seine Hausaufgaben im Fach Sprache von mir erhält. Er erscheint mir mit den Regelhausaufgaben derartig überfordert, dass mit diesen kein Lerneffekt zu erzielen ist. Im Gegenteil erzeugen diese wahrscheinlich nur Gefühle der restlosen Überforderung und Gedanken wie "Lesen und Schreiben lernen andere, aber ich niemals." mit den entsprechenden motivationalen Folgen. Tobias erhält nun von mir Hausaufgaben, die seinem Lernstand entsprechen und ihn hoffentlich weiterbringen werden.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 30. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

31. Förderstunde am 13.09.2006

Vor der Stunde berichtet mir Tobias` Lehrerin, dass sie sich von ihm einen ca. fünfzeiligen Text habe vorlesen lassen. Dieser sei vorher in der Klasse von höchstens drei anderen Kindern vorgetragen worden. Tobias habe ihn nur mit sehr wenigen Stockungen relativ flüssig vorlesen können. Nach einem Blick auf den Text bin ich sehr erstaunt. Ich halte den Text eigentlich für zu schwierig und vermute, dass er diesen nicht im strengen Sinne gelesen, sondern zumindest teilweise aus dem Gedächtnis repetiert hat. Aber auch das wäre für Tobias eine tolle Leistung. In jedem Fall habe ich den Eindruck, dass Tobias zusehends Selbstvertrauen entwickelt und sich in der Folge mutiger und aktiver schriftsprachlichen Herausforderungen stellt. Eine schöne Entwicklung. Wieweit die Fortschritte bei den Lesekompetenzen tatsächlich reichen, werden die nächsten Wochen zeigen.

Da ich meinen Laptop mitbringe, ist heute auch wieder Arbeit mit dem Leseprogramm möglich. Aber zunächst frage ich Tobias, was er schreiben würde, wenn er ein "eu" hörte. Nach kurzem Überlegen benennt er die Buchstaben "e" und "u". Ich bestätige sein Ergebnis und erkläre, dass es sogar noch ein anderes /eu/ gebe, nämlich das "äu". Er solle aber in den Förderstunden vorerst nur das "eu" verwenden. Nun liest Tobias KV-Silben (mit "eu" als V), die für 300, 100 oder 50 msec dargeboten werden. Als Konsonanten kommen alle bisher erarbeiteten vor. Tobias liest so schnell und sicher, dass ich die Übung erweitere und er KVK-Silben, bestehend aus dem gleichen Buchstabenmaterial, lesen soll. Auch mit dieser schwierigeren Aufgabe kommt er ganz gut zurecht.
Im Anschluss kontrolliere ich die Hausaufgaben, die er statt der Regelhausaufgaben im Fach Sprache machen sollte. Tobias hat alles gut erledigt und sich zum Beispiel bei den Silbenbögen deutlich erkennbare Mühe gegeben. Ich lege ihm nun 15 neue Bildkarten mit "eu"-Wörtern vor. Tobias liest jeden Begriff und dreht die entsprechende Karte dann sofort um, so dass zum Schluss nur noch die Bilder vor ihm liegen. Seine Aufgabe besteht nun darin, acht richtige Begriffe inklusive Artikel zu nennen. Da er diese Karten heute zum ersten Mal sieht, ist die Aufgabe nicht ganz einfach, zumal auch Begriffe wie "der Heuhaufen", die "Kaufleute" oder "das Euter" vorkommen. Aber Tobias hat ein gutes Gefühl für seine Kompetenzen und wählt acht Bilder von denen er richtigerweise annimmt, dass er sie korrekt benennen kann.
Er erhält seine neuen Hausaufgaben (zwei Ab pro Schultag) und die Stunde ist beendet.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 31. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t, eu

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat, Eule (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

32. Förderstunde am 21.09.2006

Tobias hat seine Hausaufgaben wiederum sehr sorgfältig erledigt. Auch die Silbenbögen sind weitestgehend richtig.
Wir beginnen am PC. Tobias liest 30 KVK-Silben (Darbietungszeit 500 msec.), deren Vokal immer ein "eu" ist. Jeweils im Anschluss sucht er aus sechs Alternativen die vorher gelesene Silbe heraus und schafft dabei 29 richtige Lösungen. Es folgen einige AB ("Pseudowörter suchen" und "Fehlersuche im Satz"), die er leider etwas oberflächlich und erkennbar lustlos bearbeitet. So schleichen sich mehr Lesefehler als gewöhnlich ein. Nach einer Ermahnung und der Anweisung, sich mit dem Zeigefinger lesend zu begleiten, geht es erheblich besser.
Ich habe einen Karteikasten mitgebracht, in dem sich 60 Bildkarten (vgl. 29. Förderstunde) befinden. Nach eigenen Angaben hat Tobias noch nie mit einem Karteikasten gearbeitet, so dass ich ihm das Prinzip erkläre. Der Kasten hat fünf Abteilungen. Zur Zeit befinden sich alle Karten in der ersten Abteilung. Er soll sich eine Karte aussuchen, dabei nur die Bildseite betrachten, den dargestellten Begriff mit Artikel aufschreiben und dann die Schreibweise an Hand der Rückseite selbst kontrollieren. Wenn alles richtig ist, erhält die Karte einen Haken und rückt in die zweite Abteilung vor. Ziel ist es, alle Karten in die fünfte Abteilung zu bringen. Sollte er einem Bild keinen Begriff zuordnen können, darf er sich die Rückseite ansehen, aber diese Karte erst am nächsten Tag wieder benutzen. Falls er einen Begriff oder einen Artikel falsch schreibt, bleibt die Karte in der entsprechenden Abteilung und rückt nicht weiter vor. Tobias erhält den Karteikasten und soll an jedem Werktag so lange damit arbeiten, bis er jeweils zehn Karten mit richtigem Ergebnis hat. Er macht einen ersten Durchgang und benötigt zwölf Versuche für zehn richtige Lösungen. Tobias arbeitet im Gegensatz zum bisherigen Stundenverlauf motiviert und konzentriert. Ich gebe ihm noch weitere AB als Hausaufgabe und beschließe die Stunde.

Seit zwei Wochen kursieren Gerüchte, dass Tobias´ Familie bald in eine andere Stadt umziehen werde. Als ich seine Mutter auf dem Schulflur treffe, bestätigen sich diese. Am 23. Oktober wird Tobias die Grundschule a. d. Hohenzollernstraße verlassen. Es bleiben also nur noch vier Wochen der Zusammenarbeit zwischen Tobias und mir. Schade!

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 32. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t, eu

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat, Eule (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

nein

 

33. Förderstunde am 28.09.2006

Zunächst kontrolliere ich die Hausaufgaben. Tobias hat offenbar bei der Arbeit mit den Bildkarten keinen Fehler gemacht, d. h. 40 Wörter mit Artikel richtig geschrieben. Ich bin sehr skeptisch bezüglich dieses Ergebnisses und vermute, dass Tobias bei den Aufgaben nicht immer ehrlich gewesen ist. Ich gehe mit ihm die noch nicht bearbeiteten Karten (=12) durch, die er zur Auffrischung erst einmal alle lesen darf. Im Anschluss schreibt er sechs Begriffe mit Artikel richtig, muss bei den anderen aber aufgeben, da er Begriff und Artikel nicht mehr erinnert. Er darf sich diese nochmals durchlesen, sie bleiben aber in der ersten Abteilung. Ich teste weitere sechs Karten aus der zweiten Abteilung, die Tobias tatsächlich alle richtig bearbeitet.
Zum ersten Mal soll Tobias heute eine kurze Geschichte (5 Sätze mit insgesamt 37 Wörtern) lesen. Er liest sehr oberflächlich und lustlos mit entsprechend vielen Fehlern vor allem bei den Endungen. Leider hat er wieder bis kurz vor der Stunde an seinen Hausaufgaben gesessen und ist wahrscheinlich zu erschöpft für eine bessere Leistung. Trotzdem fordere ich einen zweiten Lesedurchgang mit der Bitte, sich mehr Mühe zu geben. Tobias reißt sich sehr zusammen und liest den Text mit nur zwei Verlesern. Zum Abschluss dieser Stunde halte ich ein großes Kreuzworträtsel bereit, das Tobias mit erheblich größerem Engagement löst, auch wenn er an einigen Stellen Hilfe benötigt.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 33. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t, eu

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat, Eule (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

ja

 

34. Förderstunde am 04.10.2006

Da Tobias mit seiner Familie in zwei Wochen die Stadt Recklinghausen verlassen wird, habe ich für die Herbstferien noch insgesamt vier Termine vereinbart.
Mit einem Silbenspiel führe ich den Buchstaben "G" neu in den Förderprozess ein. Tobias hat mit diesem beim Lesen der Spielkarten keine Schwierigkeiten. Dies gilt auch für die folgenden AB ("Wörter lesen", "Wörter schreiben" und "Pseudowörter suchen"). Allerdings zeigt er sich recht lustlos bei der Arbeit. Bis kurz vor der Förderstunde hat er mit seinem Bruder an seiner "playstation" gespielt und ist offenbar nur ungern zur Stunde gekommen. Dies macht sich durch einige Lesefehler und ein stark verlangsamtes Arbeitstempo bemerkbar. Bei der anschließenden Arbeit mit den Bildkarten des Karteikastens unterlaufen ihm sehr viele Artikelfehler - für mich ein Zeichen, dass seine fehlerfreien Hausaufgaben der vergangenen Woche höchstwahrscheinlich doch nicht auf ehrlichem Wege entstanden sind.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 34. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t, eu, g

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat, Eule, Regen (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

ja

 

35. Förderstunde am 05.10.2006

Tobias präsentiert sich heute erheblich anstrengungsbereiter als am Vortag. Wieder beginnen wir mit einem Silbenspiel zur weiteren Integration des Buchstabens "G" und lassen einige AB ("Sätze lesen", "Sätze schreiben" und "Pseudowörter suchen") folgen. Mit seinem stark verbesserten Arbeitsverhalten schafft Tobias heute mehr AB und macht erheblich weniger Lesefehler. Er liest zum Abschluss sogar alle 52 Bildkarten aus dem Karteikasten vor und schreibt zehn Wörter mit Artikel richtig auf.
Ich bedanke mich bei ihm für die gute Mitarbeit in dieser Stunde.

Schema zu Tobias` erarbeiteten Schriftsprachkompetenzen (Stand 35. Förderstunde)

Buchstaben

Silbenstrukturen

Wortbeispiele

Sätze

Texte

a, e, i, o, u, f, l, m, n, s, r, ei, sch, au, w, ö, h, d, k, p, t, eu, g

KV, V-KV, KVK, VK, KV-KVK, VK-KV-KVK Strukturen (+ daraus zusam-mengesetzte Wörter)

Mofa, Salami, Rose, Reise, Schafe, Laune, Wale, Löwe, Oma, Maul, auf, Rasen, Maler, schönes, anrufen, Hase, Dame, Kino, Pudel, Pirat, Eule, Regen (+ "ich" ,  "die" "werde" und "und" als Ganzwörter)

ja

ja

 

36. Förderstunde am 09.10.2006

Dies ist die vorletzte Förderstunde und ich beginne heute mit der Abschlussdiagnostik, um die Fördermaßnahme evaluieren zu können. Zum "warm werden" starten wir mit dem Silbenspiel. Nun zeige ich Tobias das Testheft des Salzburger Lesetests (SLT) und frage, ob er sich an dieses erinnern könne. Er verneint und ich erläutere, dass er zu Beginn der Förderung diesen Lesetest gemacht habe und wir ihn nun wiederholen würden, um zu sehen, ob er sich verbessert habe.
Im Folgenden stelle ich die einige Ergebnisse der beiden SLT-Durchführungen gegenüber:

 

Untertest "Häufige Wörter"

1. Testdurchführung am 08.03.2006

Opa, Name, Haus (aus), Wort, Uhr, Tier (Tisch),

Vater (Faden), Klasse, neu (ne - u), Garten, Frau (Faru),

Kuh, Mama, Auto, Eis, Stunde,

Onkel, Zug (Nug), Apfel, Mädchen (Märt), Vogel,

Milch (mich), Stadt, Tisch (Stich), krank (karnk), Baum,

groß, mehr, Nacht, Blume (Bluse)


Fehler: 11     Zeit (s): 109

In Klammern befinden sich die Wörter, die Tobias statt des Zielwortes gelesen hat.

 

(2. Testdurchführung am 09.10.2006)


Opa, Name, Haus, Wort, Uhr, Tier,

Vater, Klasse, neu, Garten, Frau,

Kuh, Mama, Auto, Eis, Stunde,

Onkel, Zug, Apfel (Aufel), Mädchen (Mädren), Vogel,

Milch, Stadt (Start), Tisch, krank, Baum,

groß, mehr, Nacht, Blume


Fehler: 3     Zeit (s): 80

In Klammern befinden sich die Wörter, die Tobias statt des Zielwortes gelesen hat.


Kurzinterpretation:

Tobias verbessert sich deutlich sowohl hinsichtlich der Fehlerzahl als auch der Lesezeit (Natürlich wurden diese Wörter im Förderverlauf nie speziell geübt. Lediglich folgende Wörter sind während der Förderstunden überhaupt irgendwann einmal aufgetreten: Opa, Name, Haus, neu, Mama, Auto, Eis). Vor allem die erheblich gestiegene Zahl der richtig gelesenen Wörter ist meines Erachtens sehr erfreulich. Tobias hat offenbar einen Zugang zur Kulturtechnik des Lesens bekommen. Die benötigte Lesezeit hat sich um rund 30% verringert. Sie bleibt damit zwar weiterhin stark unterdurchschnittlich, stellt aber gerade auch in Anbetracht der relativ niedrigen Fehlerzahl ein beachtliches Ergebnis dar.


Untertest "Text kurz

1. Testdurchführung am 08.03.2006


Meine (Mein) Schwester hat heute (he - u - te) ein Kleid mit weißen (weikes) Tupfen (Tupfelen) an. Sie hat blonde (blone)

Haare und blaue Augen. Ihr Gesicht (geschenkt) ist rund. Sie hat eine Brille. Vorne (Vore)

fehlt (fehle) ihr (ihren) ein (einen) Zahn (Zahle).


Fehler: 11     Zeit (s): 107

 

2. Testdurchführung am 09.10.2006


Meine Schwester hat heute ein Kleid mit weißen Tupfen an. Sie (Sein) hat (Hand) blonde

Haare und blaue Augen. Ihr (Hier) Gesicht ist rund. Sie hat eine Brille. Vorne (Vorn)

fehlt (fehle) ihr (hier) ein Zahn.


Fehler: 6     Zeit (s): 71

 

Kurzinterpretation:

Ähnlich wie beim Untertest "Häufige Wörter" verbessert sich Tobias bei Fehlerzahl und Lesezeit erheblich.

 

Untertest "Wortunähnliche Pseudowörter"

Die Analyse des Untertests "Wortunähnliche Pseudowörter" erbringt vergleichbare Ergebnisse, wenn auch nicht so starke Steigerungen (Darstellung unter Verzicht auf Einzelwörter):


1. Testdurchführung am 08.03.2006

Fehler: 9     Zeit (s): 123


2. Testdurchführung am 09.10.2006

Fehler: 5     Zeit (s): 107


Auf den Untertest "Wortähnliche Pseudowörter" wurde bei der ersten Testdurchführung wegen Überforderung verzichtet. Er kann deshalb nicht näher analysiert werden, auch wenn für die zweite Testung Ergebnisse vorliegen.


Den Rest der Stunde verbringen Tobias und ich mit diversen Spielen zur Entspannung.

 

37. Förderstunde am 10.10.2006

Es beginnt die letzte Förderstunde und der zweite Teil der Abschlussdiagnostik. Zum Aufwärmen beginne ich wieder mit dem Silbenspiel und führe dann die Würzburger Leise Leseprobe (WLLP) und die Hamburger Schreibprobe (HSP 2) durch.


Ergebnisse der WLLP:


1. Testdurchführung am 01.02.2006

Aufgaben gesamt: 40

- Auslassungen :  1

- Fehler       :  7

= Rohwert      : 32

 

2. Testdurchführung am 10.10.2006


Aufgaben gesamt: 51

- Auslassungen :  2

- Fehler       : 11

= Rohwert      : 38

 

Kurzinterpretation:

Auch hier kann Tobias eine Steigerung seiner Leseleistung erzielen, allerdings nicht so stark wie bei der SLT am Vortag. Er bearbeitet zwar erheblich mehr items, macht aber auch tendenziell mehr Fehler, so dass sich der erreichte Rohwert lediglich um sechs Punkte erhöht. Tobias ist offenbar sehr empfänglich für die Verführungen, die der Test für leseschwache Schüler bereithält. Bei der WLLP sollen die Schüler nämlich ein Wort lesen und aus vier angebotenen Bildern das Passende markieren. Für das Zielwort Mond bietet der Test beispielsweise bildhaft einen Hund, einen Mund, einen Stern und eben einen Mond an. Tobias markierte hier den Mund. Weitere Markierungen waren zum Beispiel "Kirche" statt "Kirsche", "Küche" statt "Küken" oder "Birne" statt "Biene". Leider brachte sich Tobias so um ein noch besseres Ergebnis.


Ergebnisse der HSP 2

Tobias erreicht bei wortbezogener Auswertung ein Ergebnis von PR = 8. Das Gleiche gilt für die Auswertung bezogen auf die Anzahl der richtigen Grapheme. Diese Ergebnisse bedeuten, dass ca. 92% aller Schüler ein besseres Resultat erzielen würden als Tobias, die anderen 8% ein gleiches oder schlechteres. Bei der qualitativen Analyse seiner Schreibungen wird deutlich, dass Tobias' Wörter zwar lesbar sind, aber oft noch nicht den Rechtschreibkonventionen entsprechen ("Sankisde" statt "Sandkiste", "Bekerrei" statt "Bäckerei", "Zehne" statt "Zähne"). So bleibt der Eindruck, dass Tobias zwar den Einstieg in die Technik des Schreibens gefunden hat, er andererseits aber bis zur Normschreibung noch einen weiten Weg vor sich hat.


Vorläufige Schlussbetrachtung

Die durch den Umzug der Familie leider vorzeitig beendete Fördermaßnahme mit Tobias war für mich von ungewohnt ungünstigen Rahmenbedingungen gekennzeichnet. Hier sind vor allem Tobias' extreme Zurückgezogenheit und die sehr begrenzten Möglichkeiten der sprachlichen Verständigung zu nennen. Bis heute ist mir nicht wirklich klar geworden, mit welcher Gewichtung die Faktoren "geringe allgemeine sprachliche Fähigkeiten", "Schüchternheit/Angst vor Misserfolgen", "LRS im klassischen Sinne" und auch "allgemeines Phlegma/Bequemlichkeit" zu Tobias' Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben beitragen. Oft blieb es fraglich, ob Tobias bei bestimmten Übungen überfordert war oder auch schlicht und ergreifend kein Interesse an der Weiterentwicklung seiner schriftsprachlichen Fertigkeiten hatte. Während ich bei den meisten anderen Schülern relativ schnell ein klares Bild über deren Kompetenz und Motivation gewinne, "fischte ich bei Tobias monatelang im Trüben". Dies machte die zielgerichtete Auswahl von angemessenen Interventionen ausgesprochen schwierig. Trotz aller Schwierigkeiten ist es aber gelungen, Tobias auf seinem Weg zur Schriftsprache entscheidend zu unterstützen. Mit Hilfe der Förderung ist er nun in der Lage, sich eine große Anzahl von Wörtern (wenn sie nicht zu lang und kompliziert sind) zu erlesen. Damit ist der Einstieg in die Entwicklung von Lesekompetenz geschafft. Ich hoffe, dass Tobias durch die Fördermaßnahme Mut und Selbstvertrauen gewonnen hat, um sich dem für ihn so schwierigen Problem des Lesens weiterhin zu stellen. Allerdings habe ich einige Zweifel, ob es ihm ohne tatkräftige Unterstützung von außen gelingt, die auf ihn wartenden schulischen Herausforderungen zu bestehen.
Nach der letzten Förderstunde verabschiede ich mich von Tobias und seiner Mutter mit den besten Wünschen und verspreche, mit der aufnehmenden Schule in Kontakt zu treten, um über den bisherigen Förderverlauf zu informieren und weitere Fördermöglichkeiten zu diskutieren.